Aus der Kulturabteilung

Entstehung der Europäischen Gemeinschaft  /  
60 Jahre nach der Unterzeichnung der Römischen Verträge

Herr Inadome (Öffentlichkeitsabteilungsleiter)

Vor 60 Jahren, am 25. März 1957, wurden von 6 europäischen Staaten, von Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden, die Römischen Verträge unterzeichnet. Damit wurden die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft ( EWG ) und die Europäische Atomgemeinschaft (  EURATOM )  ins Leben gerufen. Durch den Zusammenschluss der beiden neu gegründeten Gesellschaften mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl  ( Montanunion ), die bereits 1951 gegründet wurde, entstand die Europäische Gemeinschaft, die als Vorgänger der heutigen Europäischen Union gilt.

1  )  Warum musste die Europäische Gemeinschaft ins Leben gerufen werden  ?

Die Europäischen Staaten erlebten im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege und verloren dadurch ihre Positionen als Weltmacht, so dass kein einziges europäisches Land nach dem Zweiten Weltkrieg fähig war, sein eigenes Land allein aus eigener Kraft zu verteidigen. In seinen Erinnerungen beschrieb der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer die damalige Lage Europas.

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Kein europäisches  Land,  es mochte heißen, wie es wollte, selbstverständlich auch ein wiedervereinigtes Deutschland nicht, würde für sich allein weder in der Weltwirtschaft noch in der Weltpolitik eine Rolle spielen können, weil es allein viel zu schwach hierzu sein würde. Nur die Zusammenfassung zu einem gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum konnte auf die Dauer die Länder Europas gegenüber anderen Wirtschaftsgebieten auf der Erde konkurrenzfähig machen und erhalten.
                    Konrad Adenauer

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2  )  Beginn des Prozesses der europäischen Einigung   /  Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl :

Der Prozess der europäischen Einigung begann 1950 mit dem Vorschlag des damaligen französischen Außenministers Robert Schuman.

Schuman schlug nämlich vor, europäische Bodenschätze, bzw. Kohle und Stahl auf europäischer Ebene gemeinsam zu kontrollieren. Diesem Schuman-Vorschlag stimmte der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer unverzüglich zu und versprach Schuman die deutsche Unterstützung für seinen Plan. 1951 unterzeichneten 6 Staaten Europas, Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande, den Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl.

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Bundeskanzler Konrad Adenauer (links) und Staatssekretär Walter Hallstein bei der Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957

Es bleibt noch die Frage offen, was den französischen Außenminister Robert Schuman dazu veranlasste, Europa solch einen Vorschlag zu unterbreiten. Hier handelte es sich nämlich um die Sicherheitsfrage Frankreichs. In seiner langjährigen Geschichte hat Frankreich viele Kriege gegen Deutschland dulden müssen, so dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch als potentieller Gegner der Franzosen galt. Um einen Krieg durchzuführen, braucht aber jedes Land "Eisen und Stahl". Aus diesem Grund wünschte sich Frankreich, dass ein europäisches Organ die deutsche Eisen- und Stahlproduktion, bzw. die deutsche Kriegsfähigkeit unter Kontrolle hält.

Was zu klären ist, ist auch die Frage, warum dieser Vorschlag vom deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer sofort angenommen wurde, oder welches Motiv Konrad Adenauer dazu bewog, dem französischen Außenminister die deutsche Zustimmung zu geben. Es war nämlich deutsches Ziel, durch den deutschen Beitrag zur europäischen Einigung die Rückkehr der Deutschen in die internationale Gemeinschaft und den Prozess der Realisierung der Souveränität Deutschlands, das damals noch von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges besetzt wurde, zu beschleunigen.  

Berücksichtigt man die Tatsache, dass die internationale Ruhrbehörde, die die Produktivität der deutschen Schwerindustrie im Ruhrgebiet kontrollieren sollte, durch die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, bzw. die Montanunion abgelöst wurde, dann stellt man fest, dass das deutsche Volk durch seinen Beitrag zur europäischen Einheit auch die mögliche Gefahr der Demontage der Industrieanlage in Deutschland durch die Siegermächte ausschließen konnte.


3  )  Ziele der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft :

Zu den Zielen der 1957 entstandenen beiden Gemeinschaften zählen die folgenden Schwerpunkte.


* Europäische Atomgemeinschaft :

a  ) sichere und effektive Verwendung der Kernenergie durch die Zusammenarbeit der europäischen Länder und die Förderung der Atomkraft,  die dem Ziel des Friedens dienen soll.
b  ) Forschung und Entwicklung der Kernenergie durch die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten.
c  ) gemeinsames Vorgehen Europas, um die Kernenergie erfolgreich zu betreiben.

* Europäische Wirtschaftsgemeinschaft :

a )  zuerst die Zollunion, die schrittweise, spätestens nach 15 Jahren , alle unter den 6 Mitgliedern vorhandenen Binnenzölle abbaut.
b ) Ausbau der europäischen Wirtschaft.
c ) gemeinsame Handels-,  Landwirtschafts- und Verkehrspolitik  in Europa.
d ) Realisierung des freien Personen-,  Dienstleistungs-,  Kapital- und Warenverkehrs.
e ) Angleichung innerstaatlicher Rechtsvorschriften unter den Mitgliedstaaten.
f  ) Sicherung des Friedens und der Freiheit in Europa.

Nachdem die Römischen Verträge unterzeichnet worden waren, wurden die folgenden Organisationen und Einrichtungen errichtet.

( i ) Ministerrat, der die allgemeine Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten koordiniert und die wesentlichen Entscheidungen trifft.
( ii ) Europäische Kommission,  die das ordnungsmäßige Arbeiten und die Entwicklung des gemeinsamen Marktes gewährleistet.
( iii ) Versammlung,  die als das parlamentarische Organ der Gemeinschaft mit Beratungs - und Kontrollbefugnissen fungieren soll.
( iv ) Gerichtshof,  der die Wahrung des Rechts bei der Auslegung und Anwendung des Vertrages sichert und zugleich die Funktionen des Gerichtshofs der Montangemeinschaft wahrnimmt.

4  )  unterschiedliche Absichten und Kompromisse zwischen den Mitgliedern :

Sollte ein solcher internationaler Vertrag abgeschlossen werden,  dann könnte es als allgemeine und unvermeidliche Erscheinung betrachtet werden, dass jedes Land natürlich großen Wert auf sein eigenes Interesse legt, und dass es dabei oft notwendig ist, unterschiedliche Absichten und Ziele der Länder zu koordinieren und notwendige Kompromisse zwischen den sich gegenüberstehenden Parteien zu schließen.

Zum Beispiel verlangte Frankreich, dass der Übergang von der ersten zur zweiten Etappe, nämlich von der Zollunion zur vollständigen Abschaffung der Zölle nur durch einstimmigen Beschluss des Ministerrates umgesetzt werden kann. Es war eindeutig, dass der französische Wunsch, ein Veto gegen die Entscheidungen, die nicht mit dem französischen Interesse übereinstimmen, immer einlegen zu können, dahintersteckte. Außerdem beharrte Frankreich auf dem System der Einfuhrausgleichsabgaben und der Ausfuhrbeihilfen.

Im Gegensatz dazu wollte die Bundesrepublik das Recht des vereinigten Deutschlands nach der Wiedervereinigung, der Europäischen Gemeinschaft anzugehören, zur Bedingung des Vertrages machen.

Hier spielte der belgische Politiker und Staatsmann Paul-Henri Spaak eine wichtige und besondere Rolle als Vermittler zwischen den Mitgliedstaaten. Spaak war Vorsitzender des Ausschusses, der einen Bericht zur Vorbereitung eines gemeinsamen europäischen Marktes erstellen sollte, und leistete im Prozess der Ausarbeitung des Vertragswerks einen großen Beitrag zur Verständigung der europäischen Länder. Dank seiner Leistungen kamen unzählige Kompromisse zustande, so dass die Römischen Verträge unterzeichnet werden konnten.

So entstand die Europäische Gemeinschaft von 6 Ländern. Heute besteht deren Nachfolger, die Europäischen Union, aus 28 Staaten.


5  )  Was hat man durch die Europabewegung erreichen und realisieren können ?

Denkt man darüber nach, was die Menschheit während des Prozesses der europäischen Einheit hat umsetzen können, dann stellt man fest, dass niemand die Wahrheit verleugnen kann, dass zu den größten Erfolgen dieser Europabewegung die Errichtung des gemeinsamen Marktes in Europa und die Einführung der gemeinsamen Währung EURO zählen.

Die Tatsache, dass es dem deutschen Volk und dem französischen Volk nach den wiederholten Kriegen durch den Abschluss des deutsch-französischen Freudschafsvertrages, bzw. des Elysee-Vertrages am 22. Januar 1963 gelang, die sogenannte Erbfeindschaft zwischen den beiden Nationen zu beenden und die deutsch-französische Aussöhnung zu ermöglichen, war eines der wichtigsten Ereignisse in der europäischen Geschichte, auf das sowohl Deutschland als auch Frankreich sehr stolz sein können.

Dass Deutschland auch im Rahmen Europas wiedervereinigt werden konnte, steht uns noch in der frischen Erinnerung. Der Kanzler der deutschen Einheit, Helmut Kohl,  wies uns und sein Volk immer darauf hin, dass die deutsche Einheit und die Europäische Einigung die beiden Seiten einer Medaille sind. Analysiert man die Dynamik, die die deutsche Einheit ermöglicht hat, dann kann man davon fest überzeugt sein, dass die Richtigkeit der Deutschlandpolitik von Konrad Adenauer durch Helmut Kohl deutlich bewiesen wurde.

Es ist für uns alle offensichtlich, dass Deutschland heute als Exportweltmeister der ganzen Welt gedeiht und einen unwiderstehlichen Ruf der erfolgreichsten Exportnation genießt. Man muss sich jedoch dessen bewusst sein, dass der Europa-Anteil des deutschen Exportes ca. 60 %  der gesamten Ausfuhr beträgt. Zum Beispiel wurden 2015 deutsche Produkte im Betrag von 1.193,6 Milliarden Euro erfolgreich ausgeführt. Aber 58,0 % davon wurden in die Länder der Europäischen Union, und 36,4 % davon in die EURO-Zone geliefert. Diese Zahlen bieten uns einen deutlichen Beweis dafür, dass die europäische Einigung für das Wohl des deutschen Volkes wirklich unentbehrlich ist.

Vor 60 Jahren wurde die Europäische Gemeinschaft, der Vorgänger der heutigen Europäischen Union, ins Leben gerufen, damit das gemeinsame Gedeihen der europäischen Wirtschaft und der Frieden in Europa garantiert werden können.   

Verfolgt man den historischen Strom und den geschichtlichen Ablauf in den letzten 60 Jahren, dann kann jeder sich darüber einig sein, was als der nächste Schritt hervorgerufen werden muss. Es ist genau das, was man in der Vergangenheit für unmöglich hielt, und wovon viele immer träumten, nämlich die Einigung Europas aber nicht nur im Bereich der Wirtschaft, sondern auch im Bereich der Politik.

Zum Schluss erlaube ich mir, die Worte des Gründungskanzlers Konrad Adenauer, bzw. was er eines Tages über Europa gesagt hat, zu zitieren :

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Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen.  Sie wurde eine Hoffnung für viele.   Sie ist heute eine Notwendigkeit für uns alle.
                         Konrad Adenauer

--- Zitat Ende ---