70 Jahre Nordrhein-Westfalen

Nordrhein-Westfalen (NRW), das Bundesland in dem wir leben, ist von der Fläche her betrachtet, das viertgrößte Bundesland Deutschlands. Mit einer Einwohnerzahl von etwa 18 Millionen ist es jedoch das am stärksten besiedelte und somit größte Bundesland. Vergleicht man seine Einwohnerzahl mit derer der Nachbarländer, stellt man fest, dass es sogar größer als Holland oder Belgien ist. Außerdem ist das hier gelegene Ruhrgebiet seit jeher das Zentrum der deutschen Schwerindustrie. Eben dieses NRW wird in diesem Jahr 70 Jahre alt. Es entstand am 23. August 1946 als es noch ein von Großbritannien besetztes Gebiet war, und seine Errichtung geht der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) voraus.

S7Der Palais Schaumburg: Als Bonn Hauptstadt der BRD war, haben aufeinanderfolgenden Generationen von Bundeskanzlern (von Konrad Adenauer bis Helmut Schmidt) hier gelebt.

NRW ist ein sehr künstlich konstruiertes Bundesland. Zunächst einmal ist der Ortsname „Nordrhein“ eine ungewöhnliche Zusammensetzung. Es gibt zwar Ortsbezeichnungen wie „Rheinland“ oder „Niederrhein“, doch der Ausdruck „Nordrhein“ wurde, als das Bundesland NRW entstand, zum ersten Mal verwendet. Außerdem unterscheiden sich Rheinland und Westfalen in kulturellen sowie religiösen Aspekten und es gibt viele weiter abweichende Punkte. Geschichtlich betrachtet gehörten Westfalen und das Rheinland seit der Wiener Konferenz (1814 – 1815) zum Königreich Preußen (Rheinprovinz), doch auch diese Zugehörigkeit kam durch ein Feilschen zwischen Großmächten zu Beginn des 19. Jahrhunderts zustande und war ein politischer Kompromiss. Damals strebte das siegreich aus den Napoleonischen Kriegen hervorgegangene Preußen nach Wiederherstellung der in Polen verlorenen Gebiete sowie nach der vollständigen Annektierung des benachbarten Sachsens. Doch Russland stellte sich gegen die territoriale Erweiterung Preußens in Polen. Außerdem hätte es nicht die Preußischen Forderungen erfüllt, wenn nur ein kleiner Teil des nördlichen Sachsen zu preußischem Gebiet geworden wäre. Als Kompromiss sprach man Preußen das Rheinland und Westfalen zu. Das heutige Gebiet NRWs entspricht in etwa dem damaligen westlichen Teil Preußens, wenn man das südliche Saarland von seiner Landesfläche abzieht.

Ich denke, dass die Bürger NRWs, weil ihr Bundesland nach dem Zweiten Weltkrieg auf diese Art und Weise künstlich errichtet wurde, zwar „Ich bin Kölner“ oder „Ich bin stolz Düsseldorfer zu sein“ über sich selbst sagen, jedoch nicht „Ich bin Nordrhein-Westfale“. Ja, und warum wurde denn ein so künstliches Bundesland errichtet? Nun, dass der heterogene Begriff „Nordrhein“ entstand, hat seinen Ursprung in der Aufteilung Deutschlands durch die siegreichen Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg. Als der Krieg vorbei war, plante man ursprünglich Deutschland zwischen den drei Ländern Amerika, Großbritannien und der Sowjetunion aufzuteilen. Doch etwa zur Zeit der Potsdamer Konferenz plädierte Amerika dafür, Frankreich den siegreichen Nationen hinzuzufügen. Die Sowjetunion war jedoch dagegen. Man schloss den Kompromiss, für die französische Besatzungszone einen Teil der amerikanischen Besatzungszone abzuteilen. So wurde der südliche Teil des Rheinlandes zur französischen Besatzungszone und das Rheinland wurde aufgeteilt.

Außerdem gab es auch politische Hintergründe für die Gründung NRWs. In den Memoiren von Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzlers der BRD, der einen großen Beitrag zum Wiederaufbau nach dem Krieg und der Rückkehr Deutschlands in die Gemeinschaft der Nationen geleistet hat, ist die damalige Situation schriftlich festgehalten. Damals war die Bundesrepublik Deutschland noch nicht gegründet und Adenauer selbst war noch nicht Bundeskanzler. Es heißt, dass Adenauer eines Tages von der britischen Besatzungsregierung einberufen wurde und die Errichtung des Bundeslandes NRW verkündet bekam. Liest man die Memoiren des ersten Bundeskanzlers, erfährt man, dass es für die Gründung NRWs die folgenden Gründe gab.

1)Die Möglichkeit einer Wiedererrichtung von Preußen wurde klar abgelehnt.
Das heutige NRW gehörte früher zum preußischen Staatsgebiet. Die Siegermächte äußerten jedoch ganz klar, dass die betroffene Region vom preußischen Ursprungsgebiet Brandenburg und dem östlichen Deutschland abgetrennt sei, und dass aufgrund dieser Tatsache die Möglichkeit einer Wiedererrichtung Preußens nicht gegeben sei.

2)Man strebte eine Vereinigung des innovativen Ruhrgebiets mit dem konservativen Rheinland an.
Politisch gesehen war das Ruhrgebiet seit jeher sehr innovativ. Entsprechend bestand die Möglichkeit, dass bei einer Errichtung des Bundeslandes innerhalb seines Gebiets und dem der umliegenden Regionen, eine kommunistische Regierung entstehen könnte. Zur der damaligen Zeit des kalten Krieges waren die westlichen Siegernationen diese Möglichkeit betreffend sehr wachsam. Man zielte also mit der Verbindung von Ruhrgebiet und Westfalen mit dem seit jeher konservativen und stark von der katholischen Kirche geprägtem Rheinland darauf ab, eine politische Neutralität zu schaffen.

3)Die Forderungen der Sowjetunion und Frankreichs wurden abgelehnt.
Die Sowjetunion, die im Zweiten Weltkrieg große Schäden erlitten hatte, forderte von Deutschland als Reparationen große Geldsummen. Sie versuchte, diese Reparationen nicht nur von dem eigenen Besatzungsgebiet einzufordern, sondern auch von dem Ruhrgebiet, das Deutschlands größtes Industriegebiet war. Frankreich verlangte, dass das Ruhrgebiet zu neutralem Gebiet würde und wollte die Abspaltung des linken Rheinufers vom deutschen Staatsgebiet. Doch diese Gebiete gehörten zu der britischen Besatzungszone. So errichtete Großbritannien hier ein neues Bundesland unter britischer Führung und wies damit die Forderungen der Sowjetunion und Frankreichs klar zurück.

Konrad Adenauer maß der Errichtung NRWs großen Wert bei. Wenn man das Ruhrgebiet von Deutschland getrennt hätte, wäre die deutsche Wirtschaft zusammengebrochen. Ein Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft hätte in der Bolschewisierung des Landes resultiert und dies hätte nicht nur den Frieden in Deutschland sondern auch den Frieden in ganz Europa bedroht. Die Gründung des Bundeslandes NRW war vor diesem Bedeutungshintergrund also notwendig, wie Adenauer in seiner Biografie beschreibt.

So entstand Nordrhein-Westfalen. Und eben dieses Nordrhein-Westfalen war im großen Maße an der Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg beteiligt. Diese Rolle erhielt es dadurch, dass in ihm die westdeutsche Hauptstadt Bonn gelegen war. Bonn, das als „vorläufige Hauptstadt bis zur Einigung Deutschlands“ gehandelt wurde, war für die Hauptstadt eines so großen Landes klein und kein Vergleich zu Städten wie Paris oder London. Es mag sein, das die Vertreter der europäischen Nachbarländer, als sie nach dem Krieg Bonn besuchten und die Schlichtheit dieser kleinen Stadt sahen, erkannten, dass sich die BRD von dem bisher so starken Deutschland unterschied und daher erleichtert waren. Ich glaube, das die Tatsache, dass die kleine, am Rhein gelegene Stadt Bonn die Hauptstadt der BRD war, im großen Maße zur Wiederherstellung des Vertrauens der deutschen Bürger und zur Rückkehr des Landes in die Vereinten Nationen beigetragen hat.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat die Gründung und Entwicklung der hier lebenden Japanischen Gemeinde gefördert und uns im großen Maße unterstützt. Es ist somit ein Bundesland, das mit Japan in tiefer Verbundenheit steht.
Das 70. Jubiläum von NRW möchte ich daher gemeinsam mit unseren Freunden vom Rhein feiern.

Es lebe deutsch-japanische Verbundenheit in Nordrhein-Westfalen!

Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Japanischen Clubs Düsseldorf e.V.
Herr Yasuo Inadome